Bitte lächeln?
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00:00:00: Hallo, schön dass du da bist und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Nahaufnahme.
00:00:07: Heute möchte ich über einen Satz sprechen den wahrscheinlich fast jeder von uns schon einmal gehört hat sobald irgendwo eine Kamera auf ein Menschen gerichtet wurde nämlich bitte lächeln!
00:00:22: Dieser Satz ist so selbstverständlich geworden das wir ihn oft gar nicht mehr hinterfragen.
00:00:29: Wenn ein Foto gemacht wird, dann lächelt man eben.
00:00:32: Zumindest scheint das häufig die Erwartung zu sein und genau darüber habe ich in den vergangenen Wochen ziemlich viel nachgedacht und der Anlass dafür war eigentlich recht unspektakulär.
00:00:47: innerhalb relativ kurzer Zeit so ein paar Wochen haben mir mehrere Menschen unabhängig voneinander gesagt dass die Personen auf meinen Bildern vergleichsweise selten lachen oder lächeln und das meine Porträt ist häufig eher ruhig, ernst- oder nachdenklich wirken.
00:01:08: Und wenn man so eine Rückmeldung innerhalb weniger Wochen gleich mehrfach bekommt dann lohnt es sich vielleicht doch einmal genauer hinzuschauen.
00:01:18: Das habe ich auch gemacht und zunächst musste ich feststellen ganz falsch ist die Beobachtung nicht um es mal vorsichtig auszudrücken.
00:01:30: Denn wenn ich mir die Bilder anschaue, die ich selbst besonders gerne zeige dann sind tatsächlich viele dabei auf den Menschen nicht breit lachen.
00:01:41: oft ist der Gesichtsausdruck eher ruhig manchmal nachdenklich manchmal vielleicht sogar etwas verträumt.
00:01:50: interessant finde ich dabei dass ich selbst auf Fotos ganz ähnlich bin.
00:01:56: Auch von mir mag ich meistens diejenigen Bilder lieber, auf denen ich nicht bewusst in die Kamera lächle.
00:02:03: Ein ruhigerer Ausdruck fühlt sich für mich häufig einfach stimmiger an und das hat bei mir die Frage ausgelöst ob die Porträt ist, die ein Fotograf von anderen Menschen macht vielleicht immer auch ein kleines Stück weit etwas über ihn selbst erzählen.
00:02:19: Das Thema hatten wir ja schon mal in einer anderen Podcast-Folge.
00:02:23: Ich glaube schon dass es eine Rolle spielt.
00:02:27: Also nicht im Sinne von, weil ich selbst wenig lächle sollen die Menschen vor meiner Kamera auch nicht lächeln aber wahrscheinlich bringt mein Blick bei der Auswahl etwas schneller auf ruhigere oder nachdenklichere Bilder an Weil ich mich in dieser Art von Ausdruck selbst ein Stück weit wieder finde.
00:02:45: Der amerikanische Fotograf Chris Orvic den ich ja auch schon mal an anderer Stelle hier zitiert hatte hat sinngemäß einmal darauf hingewiesen dass wir Menschen ja auch im wirklichen Leben nur einen relativ kleinen Teil des Tages tatsächlich lächeln oder lachen.
00:03:03: Und ich finde diesen Gedanken nicht nur interessant, sondern eben auch sehr wahr.
00:03:10: und vielleicht ist unser Verhältnis zum Lächeln auf Fotos ein bisschen künstlich.
00:03:16: Wir erwarten auf Bildern teilweise einen Gesichtsausdruck den wir im Alltag überhaupt nicht permanent haben.
00:03:23: Das heißt natürlich nicht, dass ein lächendes Porträt deshalb unauthentisch ist.
00:03:28: Aber es stellt zumindest die Frage warum wir freundlich so häufig automatisch mit Lächeln gleichsetzen?
00:03:37: Als ich mir diese Frage gestellt habe, habe ich mein eigenes Portfolio noch einmal genauer angeschaut und dabei ist mir etwas aufgefallen was ich fast spannender fand als die ursprüngliche Rückmeldung Fotografieren nämlich durchaus Menschen, die lachen oder lächeln.
00:03:55: Es gibt davon sogar einige Bilder!
00:03:59: Ich habe sie nur in der Vergangenheit offenbar seltener ausgewählt wenn es darum ging welche Fotos ich auf meiner Webseite oder auf Insta zeige.
00:04:08: Deshalb denke ich dass die Besonderheit gar nicht nur darin liegt was während meiner Shootings passiert sondern vielleicht liegt sie genau so sehr darin, welche Bilder ich anschließend auswähle.
00:04:26: Und damit sind wir bei einem Punkt den ich hier im Podcast ja auch schon einmal ausführlicher angesprochen habe.
00:04:33: Bildauswahl ist immer auch eine Entscheidung darüber wie die eigene fotografische Arbeit nach außen wahrgenommen wird.
00:04:43: Wenn während eines Shootings ganz unterschiedliche Gesichtsausdrücke entstehen Ich anschließend aber hauptsächlich die ruhigen Bilder veröffentliche, dann entsteht irgendwann natürlich der Eindruck dass bei mir grundsätzlich niemand lächelt.
00:04:57: Obwohl das während des Shootings vielleicht überhaupt nicht der Fall war.
00:05:00: Diese Erkenntnis kam bei mir interessanterweise genau zu einem Zeitpunkt an dem sich auch meine fotografische Ausrichtung etwas verändert hat.
00:05:10: ich habe meine Webseite vor kurzem umgestaltet und den Schwerpunkt meiner kommerziellen Porträtfotografie stärker in Richtung Businessporträts- und Personal Branding verschoben.
00:05:22: Und gerade dort bekommt die Frage nach dem Gesichtsausdruck noch einmal eine zusätzliche Bedeutung.
00:05:29: Ein Businessporträt soll schließlich meistens nicht nur ästhetisch funktionieren, es erfüllt auch einen Zweck.
00:05:36: ein Mensch möchte damit vielleicht auf seiner Webseite Vertrauen schaffen Eine Dienstleistungen anbieten Unternehmen repräsentieren oder sich selbst als Personal Brand zeigen.
00:05:48: Und da kann ein Lächeln natürlich eine wichtige Rolle spielen, ein offener freundlicher Ausdruck Kanäle schaffen und sympathief ermitteln.
00:05:57: Gerade wenn jemand mit seinen Bildern Kundinnen und Kunden ansprechen möchte ist das sicherlich etwas dass man nicht ignorieren sollte.
00:06:07: Trotzdem glaube ich nicht, gleich lächeln, denn auch dort muss der Ausdruck zu Menschen passen.
00:06:18: Ich hatte vor einiger Zeit eine Kundin vor der Kamera die mir bereits vor dem Shooting gesagt hatte dass sie sich selbst auf Bildern lächelnd eigentlich nicht besonders mag.
00:06:29: das Shooting selbst war sehr angenehm und teilweise auch ziemlich lustig.
00:06:34: es gab Momente in denen sie wirklich herzlich und spontan gelacht hat.
00:06:42: sehr, sehr schöne Bilder entstanden.
00:06:45: Trotzdem hat sie sich später für ein Plakat auf dem eines der Porträts verwendet wurde Für eine ernstere Aufnahme entschieden und ich fand diese Entscheidung absolut nachvollziehbar Denn das Bild wirkte nicht unfreundlich Es wirkte ruhig und seriös Und vor allem es passte zu ihr.
00:07:07: Ich glaube genau dieses Beispiel zeigt ziemlich gut warum ich mit einfachen Regeln bei diesem Thema Schwierigkeiten habe.
00:07:16: Vielleicht denken wir beim Gesichtsausdruck ohnehin zu häufig in zwei Kategorien, entweder jemand lächelt oder jemand schaut ernst.
00:07:26: dabei liegt dazwischen ein ziemlich großes Spektrum.
00:07:30: es gibt diesen ganz leichten Ansatz eines Lächelns einen weichen Blick ein entspanntes Gesicht neugier Gelassenheit Nachdenklichkeit oder Verträumtheit.
00:07:44: Ein Ausdruck kann ruhig und gleichzeitig offen wirken, er kann konzentriert sein ohne abweisen zu erscheinen.
00:07:53: Und natürlich gibt es irgendwann auch dieses breite herzliche Lachen das aus einer Situation heraus entsteht.
00:08:01: Und all diese Ausdrucksformen können auf einem Porträt funktionieren und wahrscheinlich wird Fotografie interessanter Wenn wir nicht versuchen, den Menschen vor der Kamera möglichst schnell in eine dieser beiden Schubladen zu stecken.
00:08:16: Lächeln oder eben nicht lächeln?
00:08:20: Schon das Wort Ernst kann dabei ein bisschen irreführend sein aus meiner Sicht.
00:08:25: Ein Mensch, der nicht lächelt muss ja nicht traurig angespannt oder unfreundlich wirken.
00:08:32: Ein Gesicht kann vollkommen entspannt sein und trotzdem keinen hochgezogenen Mundwinkel haben.
00:08:39: Das ist für mich ein wichtiger Gedanke.
00:08:42: Ein entspannter Gesichtsausdruck ist nicht automatisch ein lächelnder Gesichtsaustruck.
00:08:49: Ich glaube, gerade in der Porträtfotografie lohnt es sich darauf genauer zu achten Denn wenn jemand vor der Kamera wirklich loslassen kann zeigt sich das vielleicht manchmal grade nicht in einem breiten Lächeln.
00:09:03: Vielleicht wird der Blick ruhiger die Gesichtsmuskulatur entspannt sich Die Haltung wird natürlicher und der Mensch muss nicht mehr darüber nachdenken, wie er gerade wirkt.
00:09:15: Und plötzlich entsteht ein Porträt bei dem äußerlich vielleicht gar nicht so viel passiert das aber trotzdem sehr viel über diese Person erzählt.
00:09:25: Gerade beim Schwarz-Weiß-Porträts merke ich es immer wieder Wenn ich ein reduziertes ruhiges Schwarzweissporträt machen möchte wäre es für mich merkwürdig grundsätzlich mit der Erwartung hineinzugehen dass der Mensch darauf lächeln sollte.
00:09:41: Vielleicht passt es, vielleicht aber auch überhaupt nicht.
00:09:46: Entscheidend ist für mich eher die Frage was dieses Bild eigentlich erzählen soll denn ein Porträt muss sich immer sympathisch im klassischen Sinne wirken.
00:09:57: Es kann still sein nachdenklich kraftvoll oder direkt.
00:10:03: Vielleicht wirkt das verletzlich oder sogar ein wenig rätselhaft und All das kann genauso sehr zu einem Menschen gehören wie sein Lachen.
00:10:13: Gleichzeitig gibt es natürlich Situationen, in denen ich mich als Fotograf fragen muss ob ich vielleicht selbst zu stark in meinem bevorzugten Ausdruck festhänge.
00:10:23: Wenn ich zum Beispiel für einen Kunden arbeite und das Ziel klar darin besteht Offenheit und Zugänglichkeit zu vermitteln dann darf nicht einfach sagen mein Stil ist eben ernst oder nachdenklich.
00:10:36: Das wäre viel zu bequem und eben auch unpassend.
00:10:41: Ein professioneller Fotograf muss sich aus meiner Sicht immer auch fragen, was das Bild leisten soll und welche Wirkung gewünscht ist.
00:10:52: Möglicherweise gehört dazu dann auch eine Situation zu schaffen in der ein Mensch etwas leichter lächelt.
00:11:01: Nur würde ich einen deutlichen Unterschied machen zwischen zum Lächeln bringen und der bloßen Aufforderung lächle mal.
00:11:10: Denn ein bewusst aufgesetztes Foto lächeln sieht häufig auch genauso aus.
00:11:16: Wahrscheinlich kennen wir alle diese Situation.
00:11:19: Jemand richtet eine Kamera auf uns.
00:11:22: Eine Sekunde vorher haben wir noch ganz normal geschaut Und plötzlich denken wir Jetzt muss ich freundlich aussehen Dann entsteht dieses typische Foto Lächeln.
00:11:35: Das ist nicht falsch Nicht schlimm aber manchmal eben auch nicht besonders lebendig.
00:11:42: Ein echtes Lachen funktioniert anders, es entsteht meistens aus einer Situation heraus.
00:11:48: Aus einem Gedanken, aus einer Interaktion vielleicht aus einem kleinen Missgeschick oder einfach aus einem Gespräch.
00:11:56: Manchmal entsteht es genau dann wenn Fotograf und fotografierte Person für einen Moment vergessen das gerade überhaupt ein Foto gemacht wird sich für mich auch ein Stück weit die Aufgabe des Fotografen.
00:12:10: Sie besteht dann weniger darin zu sagen bitte lächeln, sondern es geht eher darum Bedingungen zu schaffen unter denen unterschiedliche echte Gesichtsausdrücke entstehen können.
00:12:25: Einer davon kann natürlich ein Dächel sein oder ein Lachen aber eben nicht zwingend.
00:12:31: ich finde außerdem wichtig dass Menschen von Natur aus unterschiedlich aussehen, wenn ihr Gesicht entspannt ist.
00:12:38: Manche wirken schon in neutraler Mimik sehr offen andere erscheinen schnell ernst obwohl sie sich innerlich gerade vollkommen wohl fühlen.
00:12:48: auch deshalb halte ich wenig davon allen menschen dieselbe anweisung zu geben denn die selbe anweisungen erzeugt bei zwei menschen nicht zwangsläufig dieselbe wirkung.
00:13:00: und damit komme ich wieder zu diesem gedanken des Spektrums zurück.
00:13:05: Vielleicht sollte die Frage bei einem Porträt weniger lauten, lächeln oder nicht lächelen sondern eher welche Facetten dieses Menschen können wir in dieser Situation sichtbar machen?
00:13:18: Ich finde es schön wenn während eines Shootings nicht nur eine einzige Ausdrucksform entsteht.
00:13:24: vielleicht gibt es ein ruhiges Porträe eines mit einem angedeuteten Lächeln und eines bei dem jemand wirklich herzlich lacht Und möglicherweise gibt es noch ein Bild irgendwo dazwischen, dessen Ausdruck sich gar nicht so eindeutig benennen lässt.
00:13:42: Denn genauso sind Menschen ja auch – nicht eindimensional, nicht permanent fröhlich aber auch nicht permanent ernst.
00:13:51: Ein Bereich bei dem meine Haltung etwas weniger eindeute ist, sind Familienporträts oder Bilder bei feierlichen Andessen wie Geburtstagen und Hochzeiten.
00:14:03: Dort sollen die Bilder ja häufig ganz bewusst positive Erinnerungen transportieren.
00:14:07: Insofern finde ich es völlig nachvollziehbar, als Fotograf auch Situationen zu schaffen in denen Menschen lachen oder sichtbar Freude zeigen.
00:14:18: Gleichzeitig möchte ich auch dort nicht das Gefühl erzeugen dass jeder möglichst fröhlich aussehen muss!
00:14:26: Für mich liegt die Herausforderung eher darin echte Momente von Nähe und Freude wahrzunehmen oder zu begünstigen, ohne aus jedem Menschen unbedingt ein Lachen herauskitzeln zu wollen.
00:14:39: Ich denke es lässt sich so zusammenfassen bei feierlichen Anlässen darf Freude sichtbar werden aber sie sollte auch nicht erzwungen werden wenn Menschen miteinander sprechen sich anschauen etwas Lustiges passiert und daraus echtes Lachen entsteht ist das natürlich wunderbar.
00:15:00: genau solche Momente würde ich auch versuchen wahrzunehmen.
00:15:04: Bei einem gestellten Gruppenbild hingegen kann die Situation wiederum ganz anders sein, da braucht es manchmal vielleicht auch eine etwas aktivere Ansprache durch den Fotografen.
00:15:15: aber selbst dann würde ich nicht sagen dass das Ziel unbedingt darin bestehen muss bei allen gleichzeitig ein möglichst breites Lächeln hervorzubringen.
00:15:25: Vielleicht ist auch dort die interessantere Aufgabe eine Atmosphäre zu schaffen in der Menschen nicht das Gefühl haben, einen bestimmten Gesichtsausdruck liefern zu müssen und dann aufmerksam genug zu sein wenn echte Momente entstehen.
00:15:43: Wenn ich nochmal auf die ursprüngliche Rückmeldung zurückkomme dass Menschen auf meinen Bildern vergleichsweise selten lächeln Dann würde ich wahrscheinlich sagen Ja da ist definitiv was dran Und Ich glaube inzwischen auch besser zu verstehen warum.
00:16:01: Ein Teil davon hat wahrscheinlich mit meiner eigenen Persönlichkeit und meinem fotografischen Blick zu tun.
00:16:10: Und vielleicht auch ein Teil von Porträts, die mich persönlich besonders berühren.
00:16:16: Gleichzeitig hat diese Rückmeldung aber auch etwas bei mir verändert.
00:16:20: Gerade in meiner kommerziellen Arbeit möchte ich künftig bewusst darauf achten das gesamte Spektrum eines Menschen abzubilden – nicht indem ich plötzlich alle zum Lächeln auffordere!
00:16:31: sondern indem ich noch genauer hinschaue.
00:16:34: Was passt zu dieser Person?
00:16:36: Was passt zum Zweck des Bildes und welche unterschiedlichen Facetten können während eines Shootings sichtbar werden, denn wahrscheinlich ist genau das am Ende die wichtigste Erkenntnis für mich.
00:16:48: Authentizität hat keinen festgelegten Gesichtsausdruck.
00:16:53: Sie kann lächeln oder lachen sie kann ruhig und nachdenklich sein oder zurückgenommen und manchmal liegt sie einfach irgendwo dazwischen.
00:17:07: Mich würde deshalb interessieren, welche Bilder dir von dir selbst eigentlich am besten gefallen?
00:17:13: Sind es die auf denen du lachst oder eher diejenigen auf den du ruhig und vielleicht ein bisschen nachdenklich schaust?
00:17:21: Oder ist dir am Ende vielleicht etwas ganz anderes wichtig nämlich dass du beim Betrachten eines Bildes das Gefühl hast ja so bin ich.
00:17:31: So habe ich mich in diesem Moment tatsächlich gefühlt.
00:17:35: Schreib mir gerne deine Gedanken dazu!
00:17:38: In vierzehn Tagen geht es dann wie gewohnt mit einer neuen Folge von Nahaufnahme weiter.
00:17:45: Bis dahin wünsche ich dir eine gute Zeit, bis bald Dominik.
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